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Zwischen Genie und Wahnsinn
Marko Schumacher, vom 19.03.2012 07:13 Uhr
Stuttgart - Ins Ausland hat sich Fredi Bobic am Wochenende verabschiedet, in geheimer Mission. Arbeiten wird der VfB-Manager auch dort – doch soll die Reise nicht zuletzt jenen Zweck haben, ein bisschen durchzuatmen, runterzukommen und den Blutdruck wieder vom dunkelroten in den grünen Bereich zu drücken. Und weil keine Fernsehkamera in der Nähe ist, stehen die Chancen gut, dass Bobic tatsächlich etwas entspannen kann.
Am Freitagabend ist es noch anders gewesen. Da hatte der VfB das Auswärtsspiel in Hoffenheim zwar mit 2:1 (2:0) gewonnen und dadurch seine Ausgangslage im Kampf um den Einzug in die Europa League verbessert, doch änderte dies wenig daran, dass Bobic wieder einmal einen dicken Hals hatte. Grund für den Ärger war die fünfte Gelbe Karte, die der zweifache Torschütze Vedad Ibisevic mit einiger Berechtigung sah, nachdem er den Hoffenheimer Schlussmann Tom Starke kurz vor Schluss am Kopf touchiert hatte. „Die Torhüter“, so konstatierte der Manager vor laufenden Kameras, „sind nur noch Weicheier.“
Die Stammtischsprüche des Managers
Berühmt-berüchtigt ist Bobic für seine Stammtischsprüche, mit denen er seit vielen Jahren den Bundesligaalltag bereichert. Als er noch Spieler war, sind es meist die Schiedsrichter gewesen („Blinde Bratwürste“), die von seinem Groll besonders heftig getroffen wurden. Sie stehen natürlich auch in seiner Funktion als Manager im Fokus und sind meist heilfroh, wenn sie nach dem Spiel unbehelligt in die Umkleidekabine kommen. Doch darf sich inzwischen auch sonst niemand mehr sicher sein, ungeschoren davonzukommen.
Das Spektrum reicht von den nun erstmals aufgetauchten Torhütern über die aus seiner Sicht völlig ahnungslosen Juristen des DFB-Sportgerichts („Da kannst du dir das Benzingeld sparen, wenn du da hinfährst“) bis hin zum Derbygegner aus Freiburg („Eh wurscht, wenn die absteigen“) oder den serbischen Nationaltrainer, der es neulich gewagt hatte, den VfB-Profi Zdravko Kuzmanovic zweimal in kurzer Zeit auflaufen zu lassen. „Die Serben“, zischte Bobic, „haben einen an der Waffel.“
Man darf gespannt sein, wann sich zum ersten Mal der gegnerische Busfahrer etwas zuschulden kommen lässt; und man fragt sich immer: Steckt hinter diesen regelmäßigen Attacken so etwas wie Kalkül, um von anderen Themen abzulenken? Oder es ist es einfach nur sein Temperament, das derart in Wallung gerät, dass jegliche politische Korrektheit auf der Strecke bleibt? „Bobic ist ein guter Manager“, hat der Hoffenheimer Trainer Markus Babbel nach dem Spiel am Freitag gesagt: „Und wenn er öfter darüber nachdenken würde, was er sagt, wäre er sogar ein sehr guter.“
Die Transferbilanz stimmt
Tatsache ist: jenseits aller verbaler Ausrutscher hat Bobic eine Bilanz vorzuweisen, die sich sehen lässt. Vor allem an den Transfers wird die Arbeit eines Managers bemessen – und in diesem Bereich hat der 40-Jährige auch in dieser Winterpause ein gutes Gespür bewiesen, was angesichts leerer Vereinskassen keine leichte Aufgabe ist.
Für schmales Geld hat Bobic den 21 Jahre alten japanischen Außenverteidiger Gotoku Sakai geholt, der es in kürzester Zeit geschafft hat, die gestandenen Nationalspieler Cristian Molinaro und Arthur Boka aus der Mannschaft zu verdrängen. Und mit der Verpflichtung von Ibisevic scheint ihm endlich das gelungen zu sein, woran sich seine Vorgänger mit ihren Transfers von Leuten wie Marco Streller, Danijel Ljuboja, Ciprian Marica und anderen jahrelang erfolglos abgearbeitet haben: einen Mittelstürmer nach Stuttgart zu holen, der sich vom Durchschnitt deutlich abhebt. Zumindest bislang hat Bobic recht, wenn er feststellt, dass Ibisevic „ein großer Zugewinn“ sei und alles, was der 27-Jährige auf dem Platz mache, „Hand und Fuß“ habe.
Mit sehr viel Geld hat sein inzwischen auf Schalke tätiger Vorgänger Horst Heldt viele Flops geholt – und trotzdem großen sportlichen Erfolg gehabt. Bei Bobic ist es bislang noch umgekehrt – doch besteht nach der jüngsten Entwicklung zumindest die leise Hoffnung, dass beim VfB in absehbarer Zeit auch einmal beides stimmt: die Transfer- und die sportliche Bilanz.
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Hoffenheim - Spiel
Cheftrainer Bruno Labbadia: "Ich freue mich riesig, dass Vedad seine Rückkehr nach Sinsheim so vergolden konnte, er arbeitet extrem gut für die Mannschaft. Wir hätten nach der 2:0-Führung noch zulegen müssen, haben da aber den letzten Pass teilweise zu unsauber gespielt. Wenn wir das 3:0 machen, liefern wir hier ein super Spiel ab. Insgesamt bin ich aber mit der Art und Weise, wie wir seit einiger Zeit auftreten, zufrieden."
TSG-Coach Markus Babbel: "Wir haben dem VfB in der ersten Hälfte zu viel Abstand gelassen und waren zu weit weg von unseren Gegenspielern. In der zweiten Hälfte hat die Mannschaft das umgesetzt, was ich von ihr gefordert habe. Wir waren giftiger und haben uns Torchancen erarbeitet. Leider haben wir zu viele Chancen vergeben."
Sportdirektor Fredi Bobic: "Wir haben die Tore zum richtig Zeitpunkt erzielt. In der zweiten Hälfte hatten wir ab und zu auch das nötige Quäntchen Glück, dass wir kein Tor kassiert haben. Aber auch wir hatten ein paar gute Gelegenheiten, das dritte Tor zu erzielen. Leider ist uns das nicht gelungen, weshalb es am Ende noch einmal spannend wurde. Vedad ist sehr wichtig für uns, was er macht, hat Hand und Fuß und er zeigt Präsenz. Leider fehlt er uns im nächsten Spiel."
Doppeltorschütze Vedad Ibisevic: "Ich habe nach meinen Toren nach Gefühl gejubelt, das habe ich mir vorher aber nicht überlegt. Das Zusammenspiel mit Khalid Boulahrouz hat heute natürlich sehr gut funktioniert. Ich fühle mich wohl in Stuttgart, ich spiele einfach gerne Fußball und bin gerne in einer neuen Umgebung, einem neuen Verein und lerne neue Mitspieler und Freunde kennen. In der zweiten Hälfte haben wir uns grundlos schwer getan. Wenn wir die Situationen klarer zu Ende spielen, wäre einiges einfacher für uns gewesen."
Die Nummer eins, Sven Ulreich: "Es war klar, dass Hoffenheim im zweiten Durchgang alles nach vorne werfen würde. Wir sind gut gestanden, haben dann aber durch den Elfmeter den Anschluss kassiert. Hoffenheim hat uns früh gestört und uns zu Fehlern gezwungen. Dadurch wurde es noch einmal spannend. Letztendlich haben wir aber verdient drei Punkte geholt. Jetzt schauen wir weiter von Spiel zu Spiel und dann schauen wir mal, was am Ende dabei herauskommt."
Kapitän Georg Niedermeier: "Das war ein hartes Stück Arbeit. Wir haben in den zweiten 45 Minuten versucht, Druck zu machen, aber Hoffenheim hat viel riskiert und wir haben zu leicht die Bälle verloren und dann die zweiten Bälle nicht bekommen. Woche für Woche warten schwere Aufgaben auf uns, was am Ende dann dabei herausspringt, wird man sehen."
TSG-Torschütze Sejad Salihovic: "Wir haben in der ersten Hälfte nicht richtig ins Spiel gefunden und zu viele Zweikämpfe verloren. In der zweiten Hälfte war das dann besser, da haben wir auch kämpferisch dagegengehalten. Wir müssen jetzt schnellstmöglich punkten, mit 30 Zählern bleibt man nicht in der Bundesliga."
Labbadia geht in die kontrollierte Offensive
Peter Stolterfoht, vom 26.02.2012 19:35 Uhr
Stuttgart - Bruno Labbadia analysiert, analysiert und analysiert - erst das Stuttgarter 4:1 über den SC Freiburg ("ein sehr wichtiger Sieg"), den Charakter seiner Mannschaft ("auf die lasse ich nichts kommen") und dann die Erwartungshaltung im Umfeld des VfB. Dieses Thema ist ihm besonders wichtig, entsprechend viel Zeit nimmt er sich im Gespräch mit den Journalisten im Anschluss an die offizielle Pressekonferenz. Andere Trainer würden sich in Rage reden, wenn sie direkt nach einem deutlichen Derbysieg immer wieder auf Unzulänglichkeiten im eigenen Spiel angesprochen werden würden. Labbadia dagegen spricht ruhig und kontrolliert weiter - wie ein Richter am Oberlandesgericht. "Ich kann leider nicht zaubern", sagt er.
Diese Einschätzung des Stuttgarter Trainer ist nicht neu. Im Unterschied zu früher macht er jetzt aber keinen Hehl mehr daraus, dass er zunehmend ein Problem mit der seiner Meinung nach viel zu hohen Erwartungshaltung im Umfeld des VfB bekommt. Auch wenn es Labbadia nicht sagt: gemeint sind die Fans, die Medien und die Kritiker in den eigenen VfB-Reihen. "Wir haben in den beiden letzten Heimspielen 5:0 gegen Hertha und 4:1 gegen Freiburg gewonnen, also neun Tore erzielt. Das ist ja nicht so schlecht", sagt Bruno Labbadia und bringt damit wohl auch seine Verwunderung zum Ausdruck, dass die Lücken auf den Zuschauerrängen der Mercedes-Benz-Arena von Mal zu Mal größer werden.
Es folgt der Blick in die Vergangenheit: "Man darf doch nicht vergessen, woher wir kommen", sagt Labbadia, "letzte Saison sind wir beinahe abgestiegen, jetzt stehen wir auf Platz acht." Der Trainer spricht von einer Entwicklung, die die Mannschaft in dieser Saison macht. "Den Spielern muss man Zeit geben", so Labbadia, der damit gleichzeitig einfordert, seiner Arbeit auch mit etwas mehr Geduld zu begegnen: "Und unsere Rahmenbedingung müssen auch bedacht werden - mit den reduzierten Gehaltskosten und den zu erzielenden Transfererlösen." Außerdem habe er vor der Saison vorausgesagt, was sich im Lauf dieser Spielzeit bestätigt hat: "Alle haben genickt, als ich damals davon sprach, dass Rückschläge unvermeidlich sind."
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